Eine Stadt im Umbruch

Meran stand um 1920 vor einem dramatischen Wendepunkt seiner über 700-jährigen Geschichte. Das kleine Städtchen, das historische Zentrum der altehrwürdigen Grafschaft Tirol, war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem der glanzvollsten Kurorte des Habsburgerreiches aufgestiegen: um den gut erhaltenen, mittelalterlichen Stadtkern mit der pittoresken Laubengasse und dem uralten Viertel um die Pfarrkirche hatte sich eine damals modernste Stadterweiterung gelegt, mit Kurhaus und Grandhotels, prachtvollen Parkanlagen und edlen Villenbauten, wo sich in der Saison die Reichen und Schönen aus ganz Europa trafen.

Plausch auf der Promenade: In den 1920er-Jahren erwacht der Tourismus in Meran zu neuem Leben Foto: Palais Mamming Museum

Nach Meran zur Kur

Angefangen hatte das Kurwesen mit der Entdeckung des „Heilklimas“ von Meran, und dementsprechend suchten die ersten Kurgäste in dem anfänglich verschlafenen Nest vor allem Gesundung oder wenigstens Linderung ihrer Leiden. Ein mehrmonatiger Aufenthalt in Meran galt lange als Top-Kur gegen die gefürchtete Tuberkulose, die im 19. Jahrhundert in ganz Europa umging. Bald schon wurde die Meraner „Klimakur“ samt Varianten wie Trauben-, Molke- oder Kaltwasserkur bei allen möglichen weiteren Leiden empfohlen. Daneben entwickelte sich die just auf Meran und Umgebung zugeschnittene „Terrainkur“, eine Bewegungstherapie bei Kreislaufproblemen, allgemeiner Erschöpfung oder „Neurasthenie“, der Vorform des heutigen Burnout-Syndroms.

Und schließlich fanden immer größere Kreise aus den oberen Gesellschaftsschichten es einfach reizvoll, im milden Klima auf dem „Südbalkon“ der Alpen zu überwintern. Man floh vor den eisigen Wintermonaten aus Petersburg und Moskau, aus Berlin und Wien: der Hochadel und das reiche Bürgertum aus dem zaristischen Russland, aus Preußen und später dem Deutschen Reich, und natürlich aus allen Ecken des riesigen Kaiserreichs der Habsburger trafen sich in Meran. Von Ende September bis Anfang Juni herrschte gepflegte Geselligkeit mit breitem Kulturangebot: die Anwesenheit des Wiener Hofes zog eine reiche Kunstszene an, aber auch hohe Diplomaten, Gelehrte und Unternehmer.

„Hallo, Dienstmann!“ Die Portiers der Meraner Hotels warten 1920 – nach der kriegsbedingten Lethargie – auf die ersten Kurgäste Foto: Palais Mamming Museum

Frühstück mit Kafka: Restaurant im Grand Hotel Emma Foto: FOS Meran

Die geistige Regsamkeit schuf eine liberale und tolerante Atmosphäre, teils sehr zum Missvergnügen der traditionell konservativen Führungsschichten Tirols. Doch die Geschäftsinteressen des aufblühenden Fremdenverkehrs setzten sich durch: die ganze bunte Vielfalt von Kakaniens Sprachen, Religionen und Glaubensgemeinschaften konnte sich in Meran entfalten. In den heißen Sommermonaten war es hingegen ruhig: da zog sich die elegante Gesellschaft in die mondänen Bäder Böhmens zurück oder suchte die heilsame Frische der ersten Strandbäder am Meer.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges setzte Merans Belle Époque ein jähes Ende. Wenige Jahre später zerfiel Österreich-Ungarn, Europa musste neu geordnet werden. Meran fand sich, wie ganz Südtirol, in Italien wieder, das mit dieser habsburgischen „città di cura“ kaum etwas anzufangen wusste. Um 1920 stand Meran vor dem wirtschaftlichen Nichts.

„Österreich, leb wohl!“: Der Doppeladler wird 1920 vom Amtsgebäude am Kornplatz entfernt Foto: Palais Mamming Museum

Vom habsburgischen Meran zum italienischen Comune di Merano.

Meran um 1920 musste sich, ob es wollte oder nicht, als Stadt-Raum neu erfinden. Wohl konnte es auf das reiche architektonische Erbe des Elite-Tourismus der Habsburgerzeit zurückgreifen, aber an die Zeit vor 1914 konnte es nie wieder anknüpfen. Einige wenige Jahre hielt man gewissermaßen den Atem an, so unvorstellbar war das Ende der alten Welt.

„Siamo in Italia!“: Meraner Plakatwand am Tag der Annexion Südtirols an Italien (10. Oktober 1920) Foto: Palais Mamming Museum

Elegantes Dreigestirn: Die Hotels Emma, Habsburgerhof und Kaiserhof am Schillerplatz (heute Mazziniplatz). 1920 wird aus dem Habsburgerhof das Hotel Bellevue, der Kaiserhof wird in Hotel Excelsior umbenannt. Foto: Palais Mamming Museum

Stelldichein am Sportplatz: Im Frühjahr 1920 finden in Untermais wieder Pferderennen statt Foto: Palais Mamming Museum

Dann brach mit der Machtergreifung des Faschismus (1922) eine völlig andere Realität über das kleine feine Städtchen herein: 1924 wurde der Großraum rund um Meran neu geordnet, die bis dahin eigenständigen Gemeinden Gratsch sowie Ober- und Untermais gehörten nunmehr zum „Comune di Merano“, der neuen Stadtgemeinde Meran. Nun musste zusammenwachsen, was sich jahrhundertelang zwar leidlich vertragen hatte, sich aber durchaus nicht immer grün war.

Die Stadtgeschichte nahm eine spitze Kehre – doch das steht auf einem anderen Kalenderblatt.

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