Kafka kommt an

Die 1920er-Jahre in Meran

Die Jahre 1918 bis 1922 waren für Meran eine „Zeit dazwischen“ – stadtgeschichtlich ist dieses Zeitfenster kaum erforscht: die glanzvolle Belle Époque des Weltkurortes Meran war unwiederbringlich dahin. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel die Neuorientierung im Königreich Italien schwer. Man weiß wenig über diese kritische Zeit.

Der 1906 eröffnete Meraner Stadtbahnhof Foto: Palais Mamming Museum

April-Juni 1920: Kafka in Meran

Da stieg am 3. April 1920 am Bahnhof in Meran ein hagerer, sichtlich gut situierter Reisender aus dem Zug. Kaiser und Könige waren vor 1914 hier angekommen, weltberühmte Künstler und Gelehrte von Weltruf: sie logierten in den nahen Grandhotels, in den schlossartigen Ansitzen in der näheren Umgebung. Ein Tross von Dienstboten und Hauspersonal nahm ebenfalls Quartier. Dann war es still geworden.

Während der Kriegsjahre rollten die Lazarettzüge ein, die Verwundeten wurden auf die zu Lazaretten umfunktionierten Hotels und Pensionen verteilt, Habsburgs Untergang war nicht mehr aufzuhalten. Eine Welt brach zusammen.

Lakonische Notiz:
Die im Burggräfler abgedruckte Fremdenliste verzeichnet
Franz Kafka am 8. April 1920
als „Beamten aus Prag“
Quelle: Landesbibliothek Teßmann

Und nun kam ein Herr Kafka nach Meran, „Beamter aus Prag“, wie die Lokalpresse am 8. April 1920 meldete. Kafka stieg im bahnhofnahen Grand Hotel „Emma“ ab und sah sich um. Eine illustre Gesellschaft wohnte in Merans erster Adresse. Die meisten anderen Häuser waren geschlossen – Merans Elite-Tourismus hatte sich noch kaum erholt und sollte auch nie wieder zum verflossenen Glanz zurückfinden. Aber das wusste man damals noch nicht, man begann zu hoffen.

Kafkas erste Unterkunft in Meran ist das Grand Hotel Emma – eine Perle des Münchner Jugendstils Fotos: Palais Mamming Museum / FOS Meran

Von Kafka nahm niemand Notiz. Einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts war damals ein perfekter Unbekannter. Zwar hatte er bereits einige seiner verrätselten Schlüsseltexte veröffentlicht, – so etwa Die Verwandlung (1915) – und Meilensteine der Weltliteratur wie Der Prozess lagen als Entwurf vor (um 1914-16), aber die Uhren der europäischen Geistesgeschichte gingen anders. Kafkas visionäres Werk erschloss sich erst Jahrzehnte später einer Leserschaft, die dem Untergang des Abendlandes knapp entronnen war.

Kafka kam nicht aus Jux und Tollerei nach Meran: er war schwer krank. Er hoffte nicht auf Heilung, die offene Lungen-Tuberkulose kam vor der Entwicklung antibiotischer Medikamente einem Todesurteil gleich. Eine kurzfristige Besserung war vielleicht zu erzielen, Linderung der krampfartigen Hustenanfälle, Gewinn kostbarer Lebenszeit – Kafka hatte noch viel vor. Und er hatte genug Geld, um sich einen mehrmonatigen Kuraufenthalt leisten zu können. Meran war nicht seine erste Wahl gewesen, er hätte die Kurorte seiner böhmischen Heimat vorgezogen, aber nun war es eben Meran.

Franz Kafka (1883-1924) Foto: Wikipedia

Von Prag nach Meran

Bis vor kurzer Zeit wäre eine Zugreise von Prag nach Meran eine Fahrt durch österreichische Kernlande gewesen. Doch nun, 1920, musste der Reisende immer wieder umsteigen, Geld wechseln, neue Fahrkarten kaufen. Die Welt war aus den Fugen. Kafka, der sich zeitlebens nur seiner Heimatstadt Prag verbunden fühlte, der als Deutsch-Prager gegenüber der tschechischen Bevölkerung in der Minderheit war, und als Jude selbst in der Gemeinschaft der Deutsch-Prager wiederum einer Minderheit angehörte, Kafka kam nun nach Meran, das noch nicht wusste, wie sich der Weg in einen Minderheiten-Status anfühlt.

Kafka reiste mit einem tschechischen Pass, er beobachtete in Meran die letzten Reste der Völkervielfalt Kakaniens und schrieb davon launig in seinen Briefen an den Freund Max Brod, an die Schwester Ottla, an Milena Jesenská, seine Übersetzerin, mit der sich eine schwierige Beziehung anbahnte.

Kafka-Gedenkjahr 2020 in Meran

Nun, hundert Jahre nach Kafkas Kuraufenthalt in Meran, ist ein kulturgeschichtlicher Zeitraum vergangen, der sich länger als ein kalendarisches Jahrhundert anfühlt: der knapp als „Beamter aus Prag“ vermeldete Kurgast zählt heute zu den Klassikern der Moderne, als weltweit einer der bedeutendsten Vertreter der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts.

Meran hingegen ist wohl nach wie vor ein hübsches Städtchen, doch der einstige Glanz ist dahin. Meran, die ehemalige Perle von Habsburgs Kronland Tirol, kämpft immer noch mit dem traumatischen Ende seiner Blütezeit als Kurstadt.

Zeit also für einen nachdenklichen Blick zurück, im Geist von Kafkas Beobachtungen zum Treiben jener Tage – das ist das Ziel des Meraner Kafka-Gedenkjahres 2020.

kafka2020meran.it
Volkshochschule Urania Meran Genossenschaft
Ortweinstraße 6
I-39012 Meran
E-mail: info@urania-meran.it

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