Briefe aus Meran

„Morgen fahre ich nach Meran“

(aus einer Karte an Minze, Anfang April 1920)

Kafka betrachtete seinen Meraner Aufenthalt als „zeitliche Einheit“. Er hatte eine längere Auszeit vor sich, als er in Meran aus dem Zug stieg. Seine Gesundheit war schwer angeschlagen, seine Arbeitsfähigkeit kompromittiert, er musste sich erholen. Seinen Brotberuf bei der „Arbeiter-Unfallversicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag“ hat er zwar nie sonderlich geliebt, stets aber sehr ordentlich ausgefüllt. Der Deutsch-Prager, dem das Tschechische geläufig war, hatte die Umbrüche von 1919 problemlos gemeistert: als sachkundiger Mitarbeiter gehörte Kafka nach wie vor zum leitenden Personal der nunmehr tschechischen Einrichtung, als Kenner des komplexen Versicherungswesens war er geschätzt und gut bezahlt. Seine Nähe zur Arbeiterbewegung war bekannt, von seinen literarischen Ambitionen wusste man wenig.

Umzug in die Pension Ottoburg nach Untermais

Einen regelrechten Arbeitsplan hatte Kafka wohl kaum im Gepäck, als er nach Meran zur Kur aufbrach. Sicherlich wollte er aber den Aufenthalt als kreative Schaffensperiode nutzen: er brauchte ein möglichst ungestörtes Umfeld für seine schriftstellerische Arbeit, zeitlebens litt er am Zwiespalt zwischen dem bürgerlichen Erwerbsleben und der Notwendigkeit zu geradezu mönchischem Rückzug für seine Kunst.

Kafkas Briefwerkstatt: In der Pension Ottoburg in Untermais entstehen die ersten „Briefe an Milena“ Foto: Palais Mamming Museum

Schon in der ersten Woche im Hotel „Emma“ machte er sich auf die Suche nach einem anderen Quartier, denn das Nobelhotel behagte ihm nicht. Er wollte Ruhe. Zudem sollte das Geld möglichst lange reichen. So verzog er sich nach Untermais, damals noch eine selbstständige Gemeinde in unmittelbarer Nähe zum Stadtkern von Meran. Mit seinem sonnigen Balkonzimmer in der Pension „Ottoburg“ war Kafka ganz zufrieden, wie seinen Briefen zu entnehmen ist. Er pflegte losen Kontakt zu den übrigen Pensionsgästen, absolvierte gewissenhaft die vorgeschriebenen Liegestunden auf dem Balkon, ging spazieren und versuchte, seine angeschlagene Gesundheit wieder ins Lot zu bringen.

Abends und nachts schrieb er: Kafka war ein manischer Briefeschreiber. Neben der familiären Korrespondenz mit Freunden und der Lieblingsschwester Ottla begann er in Meran einen umfangreichen Gedankenaustausch mit Milena Jesenská, einer jungen Journalistin und Feuilletonistin, die gerade Kafkas Erzählung Der Heizer ins Tschechische übersetzt hatte. Was als beruflich bedingter Briefwechsel begonnen hatte, sollte zu einem weltberühmten Briefdrama werden.

Die Briefe an Milena

Post von Kafka? Das Meraner Hauptpostamt 1920 Foto: Palais Mamming Museum

Aus Meran schrieb Kafka eine wahre Briefflut an Milena Jesenká. Ihre Antwortschreiben sind nicht erhalten, doch Kafkas lange, zunehmend leidenschaftliche Briefe lassen die Komplexität dieser Beziehung erahnen. „Sie ist ein lebendiges Feuer, wie ich es noch nie gesehen habe […]“, schrieb Kafka an Max Brod. Er war fasziniert vom wachen Geist dieser jungen Prager Tschechin, die es nach Wien verschlagen hatte. In Milena hatte Kafka wohl eine ihm gewachsene Gesprächspartnerin gefunden; jedenfalls gehörte Milena zu den wenigen Menschen, die Kafkas literarisches Genie auf Anhieb erkannt hatte. Sie bat den Autor um weitere Texte. Er versprach, ihr den Erzählband Ein Landarzt zukommen zu lassen.

Liebe und Schmerz: Franz Kafka und „seine“ Milena Jesenská Fotos: Wikipedia

Die Titelerzählung war erstmals 1918 [1917] im Almanach des Verlegers Kurt Wolff erschienen; und 1920 folgte ein schmales Bändchen namens Ein Landarzt. Kleinere Erzählungen.

Damit habe sie „[…] alles was von mir erschienen ist […]“, schrieb Kafka an Milena, und präzisierte: „Im Druck ist nichts, ich wüßte auch nicht was kommen könnte.“

Da war Kafka nicht aufrichtig: er wusste genau, was noch alles in seinen Schubladen lag. Doch davon erfuhr Milena nichts. Zwar fühlte er sich von ihr zutiefst verstanden, letztlich blieb sie jedoch unerreichbar. Nach Beendigung ihrer kurzen, heftigen Beziehung übergab Kafka ihr seine Tagebücher (Oktober 1921); die Manuskripte seiner großen Romane aber blieben im „Bücherkasten, Wäscheschrank, Schreibtisch zuhause und im Bureau, oder wohin sonst irgendetwas vertragen worden sein sollte“, wie Kafka seinem engsten Freund und Vertrauten Max Brod in einer ersten testamentarischen Nachlassverfügung mitteilte.

Milenas Nachruf auf Kafka

Wenige Tage nach Kafkas Tod (am 03.06.1924) schrieb Milena Jesenská im tschechischen Tagblatt Národní Listy in Prag eine kurze Notiz zum Ableben von „Dr. Franz Kafka“. Mit einfühlsamen Worten entwarf sie ein knappes Porträt des einstigen Geliebten: „Er war scheu, ängstlich, sanft und gut, aber die Bücher, die er schrieb, waren grausam und schmerzhaft […] Er war zu klarsichtig, zu weise, um leben zu können, und zu schwach, um zu kämpfen …“

Milena kannte nur die wenigen Werke, die Kafka zu Lebzeiten veröffentlicht hatte, und sie zählte sie gewissenhaft auf. Zudem erwähnte sie einen letzten Roman, der „schon seit Jahren im Manuskript“ vorliege: „Vor dem Gericht“ müsse zu jenen Werken gezählt werden, schrieb sie, „deren Lektüre einen dermaßen weltumfassenden Eindruck hinterlässt, dass jeder Kommentar überflüssig wird“.

Milena zitierte aus dem Gedächtnis: gemeint war das Meisterwerk Der Prozess, dessen zentrale Parabel „Vor dem Gesetz“ allein hingereicht hätte, um Kafkas Nachruhm zu begründen.

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